Henning Scherf:
So leben wir ein unbeschwertes Alter


Bremens früherer Bürgermeister (73) plädiert für Beweglichkeit am Lebensabend Henning Scherf kurz vor seinem Auftritt vor gut 150 Landfrauen. Er schmunzelt über die lobenden Worte, mit denen Elke Stubbe, die Vorsitzende des Landfrauenverbandes Hamburg, ihn ankündigt. Foto: Schwirten

Von Wiebke Schwirten

Fünfhausen. Er wirkt ein bisschen schelmisch,. ist entwaffnend ehr­lich, ungemein charmant und er­obert sein Publikum im Handumdrehen: Henning Scherf (73), Bremens früherer Bürgermeister und Buchautor, war Hahn im Korb beim großen Frauentreff des Landfrauenverbands Hamburg in Fünfhausen. Etwa 150 Landfrauen erlebten den überzeugten Alten-WG-Bewohner in Bestform Scherf plauderte zu einem Thema, das in der immer älter werdenden Republik immer mehr Menschen direkt angeht: Wie gehen wir mit dem Altern um? Die Antwort ist so einfach wie vielschichtig: "Grau ist bunt", das ist Scherfs Devise. Er wirbt vehement dafür, im Alter aktiv und kreativ zu bleiben: "Beteiligen Sie sich, mischen Sie sich ein, lernen Sie weiter", beschwor Scherf sein Publikum. Was besonders unsere Liedertafeln und andere Singgemeinschaften freuen wird: Leidenschaftlich warb Scherf für die Mitgliedschaft in einem Chor. Er selbst habe im hohen Alter wieder angefangen zu singen, ist sogar Präsident des deutschen Chorverbandes geworden: "Singen hebt die Stimmimg, ist besser als jede Psychopharmaka." "Beweglich bleiben, auch geistig", das ist ein Credo des 73-jährigen, schlaksig wirkenden Zwei-Meter-Hünen, der viel und gern Rad fahrt. Auch dementen Menschen sei noch etwas zuzutrauen, sie dürften nicht abgeschoben werden. Scherf besucht regelmäßig demente Menschen. Wenn er von der alten Frau erzählt, mit der er mühsam aber geduldig eine gefühlte Ewigkeit lang eine Wurzel zerkleinert hat und die danach überglücklich strahlte, dann wird es mucksmäuschenstill im Saal. Viel Zustimmung erhält er, als er den Schritt von Rudi Assauer bewundert, der seine Alzheimerkrankheit öffentlich gemacht hat oder von seinem Freund Walter Jens erzählt. Der berühmte Schriftsteller sei heute ein anderer. Der Demente lebe ein neues Leben, habe Freude an den Tieren um ihn herum, die ihm früher eher gleichgültig gewesen seien. Hier wie allgemein gelte: Wer das Neue annehme, könne mit der Situation gut klarkommen. Die Nähe zu anderen, das gemeinsame Leben: Scherf ist ein großer Verfechter des generations­ übergreifenden Miteinanders. "Menschen brauchen Menschen", sagt Scherf. Er und seine Frau Luise leben seit 25 Jahren mit acht anderen in einer offenen Hausgemeinschaft. Diesen Zusammenhalt, der bis zum Schluss Kraft gebe, möchte er nicht mehr missen. "Das Problem ist doch das Alleinsein", sagt Scherf. Und dann aktiviert er alle Lachfaltchen in seinem Gesicht und sagt: "Ich möchte sterben mittendrin."

Alt, sympathisch, durchgeknallt


FRAUENTREFF Henning Scherf (73) wirbt für ein stärkeres Miteinander und Engagement Das Bad in der Menge genießt Henning Scherf. Hier stellt er Viola Kollmann sein Ansteckmikrofon zur Verfügung. Foto: Schwirten

Henning Scherf hät­te beim Frauentreff im BIG ewig weiterplaudern können. Doch der Zug nach Bremen zurück in seine "Alters-WG" wartete nicht und zudem: "Heute hat ein Mitbewohner Geburtstag. Das möchte ich nicht ganz verpassen", sagte Scherf lächelnd. Und dann war da noch Elke Stubbe, die Vorsitzende des Landfrauenverbandes Hamburg. Sie griff ein Wort Scherfs auf und sagte nach fast zweistündigem Vortrag herzlich, aber bestimmt: "Menschen brauchen Menschen, ja, und Landfrauen brauchen jetzt Suppe." Das gefiel dem früheren Bremer Bürgermeister, der anfangs selbst darum gebeten hatte, man möge ihn stoppen, er fände allein eher kein Ende. Und so plauderte Scherf über seine Wohngemeinschaft mit dem Geburtstagskind ("Er ist Messi, muss für die Feier aber aufräumen"), dem katholischen Pfarrer, der das Familienleben mit den Enkelkindern der anderen genießt ("Er selbst darf ja gar nicht, wenn das der Heilige Vater wüsste") und den Studenten ("Die sind eigentlich immer ein bisschen klamm"). Er sei selbstverständlicher Teil dieser bunten Gesellschaft - ohne Promistatus. "Naja", gibt er auf Nachfrage zu, beim Putzen komme er doch nicht so oft an die Reihe. Er ist eben viel unterwegs, nicht nur auf Vortragsreise, wie jetzt bei den Landfrauen. "Heute Morgen war ich in einer Grundschule und habe vorgelesen", erzählt der 73-Jährige. Und die Kinder hätten begeistert mitgemacht, er sei nicht etwa der "störende Alte" gewesen. So macht er seinem Publikum Mut, es ihm gleichzutun, oder doch etwas Ähnliches zu versuchen. Lacher erntet er, als er erzählt, er habe "mit Vorliebe geheiratet", also recht früh. Denn er war noch nicht 50 Jahre alt, da waren alle drei Kinder schon aus dem Haus. Mit Ehefrau Luise und anderen kaufte er damals ein Abrisshaus in Bremen. Dort richteten sie offene Wohneinheiten für Junge und Alte ein, wollen dort zusammen sein - bis zum Schluss. Nicht für jeden Menschen mach- und lebbar. Eine kecke Bemerkung aus dem Publikum brachte es auf den Punkt: "Für mich sind sie sympathische, durchgeknallte Alte." Scherf nahm es als Kompliment. Er sieht die Zahl derer wachsen, die sich anders im Alter organisieren müssen und die Notwendigkeit für alternative Lebensformen steigen. Dann erzählt er von sieben alleinstehenden, älteren Damen, denen er auf den Kopf zusagte, dass sie sich mittags mit aufgewärmten Resten von gestern oder einer Scheibe Brot begnügten. "Woher wissen Sie das?", fragten die erstaunt Nach anfänglicher Skepsis sind sie seinem Rat gefolgt, laden sich nun regelmäßig reihum ein, kochen leckere Mittagessen, immer eine für alle. Das spart unterm Strich sogar, macht Spaß und steigert die Lebensfreude. Und nicht zuletzt: Die Kochbücher kommen wieder zu Ehren. Schließlich lobte er die Landfrauen, die vorbildliche Netzwerkerinnen seien, sich einsetzen, ihre Lebenserfahrung weitergeben. Mit dem Engagement für andere stärken wir auch uns selbst. Da von ist Scherf zutiefst überzeugt.
Quelle: Bergedorfer Zeitung

schließen